Perureise 2008
Wir sind sehr beeindruckt von der guten Arbeit trotz extrem widriger Verhältnisse vor Ort und glauben, in der Bevölkerung eine positive Grundstimmung statt einer in Peru verbreiteten Lethargie erkannt zu haben.
Die Bevölkerung feiert Feste zu unseren Ehren und zeigt sich sehr dankbar über die geleistete Unterstützung. Michael als Vorsitzender von NH betont in seinen Festreden, dass es vor allem die engagierten Menschen vor Ort sind, die die Verhältnisse grundlegend ändern können und dass unsere Hilfe lediglich Anstoß sei, sich selbst zu helfen. Ebenso stellen wir klar, dass wir die Souveränität der peruanischen Menschen achten und daher die gute Arbeit der peruanischen Partnervereine finanzieren, die im Einzelnen entscheiden, was wo getan werden soll.
Die Reisestationen im Einzelnen:
Cooperación y Desarrollo
Neue Horizonte arbeitet seit 1992/1993 mit Cooperación y Desarrollo ("CODE") zusammen und hat schon viele Projekte dieses Vereins finanziert. Uns erwartet ein umfangreiches Besuchsprogramm.
Samne
Unsere erste Station ist das Dorf Samne in der Nähe von Otuzco, wo NH vor 7 Jahren den Bau einer Gesundheitsstation finanziert hat. Die Gesundheitsstation ("GS") ist nach wie vor in Betrieb. Wir erleben zufriedene Einwohner von Samne, die immer noch stolz sind auf ihre Arbeit. Die Krankenschwester (Felicitas) und die junge Ärztin (N.N.) weisen uns auf einige Dinge hin, die sie noch brauchen.
In der Gesundheitsstation lernen wir auch den derzeitigen Bürgermeister von Samne kennen, einen jungen Mann von 25 Jahren, der seit 11 Monaten im Amt ist und tatsächlich der jüngste Alcalde Perus ist: Alan Roy Cesneros Fernández. Er scheint sehr aktiv zu sein und spricht mit uns über die Möglichkeit der Erweiterung der Gesundheitsstation. Er ist sehr zufrieden mit der Arbeit von Cooperación y Desarrollo und scheint sehr gern weiter kooperieren zu wollen. Da die Gesundheitsstation immer mehr besucht wird und die Leute aus den umliegenden Dörfern immer mehr kommen, wird sie inzwischen zu klein. Es fehlt z.B. ein weiteres Behandlungszimmer (zur Zeit gibt es ein improvisiertes, das aber keine Abtrennung zum Wartesaal hat). Der Alcalde besichtigt mit uns den möglichen Platz für eine Erweiterung direkt hinter dem Bau. Er ist auch davon überzeugt, dass die Eigenarbeit der Leute in Samne ohne Probleme organisierbar ist.
Pango
Heute besuchen wir die Gemeinde in Pango, das ca. 40 Fahrminuten von Otuzco entfernt in den Anden liegt. Dort ist im Zentrum von vielen kleinen Gemeinden die neue Gesundheitsstation gebaut worden. Wir werden mit "großem Bahnhof" begrüßt: Kinder schwenken deutsche und peruanische Fähnchen, die Dorfkapelle spielt, die Leute haben sich festlich gekleidet und wir schreiten sozusagen wie die Könige durch die Menge auf einen grossen Platz, wo sich alle versammeln. Nach einer religiösen Zeremonie (die von einigen Leuten wohl unbedingt gewollt war, von vielen aber auch nicht?) wird uns in vielen Reden gedankt. Geschenke werden überreicht: wir erhalten Schals, Mützen und einen Teppich, die Verantwortlichen der aktiven Gemeinden von uns je eine Urkunde und Schokoladen-"Medaillen" in Form des Kölner Doms. Wir sind beeindruckt von diesem Empfang.
Noch mehr beeindruckt uns freilich, was wir bei einzelnen Familien sehen. Sehr stolz werden uns neue Kochherde präsentiert, Module der Meerschweinchenzucht und die neuen Latrinen. Das schreibt sich so einfach in einem Satz, doch die Dimensionen dieser Dinge sind für das Leben der Menschen in den Bergen riesig. Neue Kochherde zum Beispiel bedeuten mehr Sauberkeit, keinen gesundheitsschädlichen Rauch mehr, weniger Energieverbrauch von Holz (das in einer Höhe zwischen 3.000 und 4.000 m sehr rar ist) und eine effektivere Nutzung der Energie. Auffallend ist auch, wie gut sich die Menschen nun dank der Schulungen, die sie verpflichtend besucht haben, auskennen. Wir erleben Leute, die aktiv und zufrieden wirken, selbst wenn natürlich noch viele Wünsche offen blieben, denn Pango hat z.B. noch keine Elektrizität.
Diese positive Seite, die wir erleben, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch viel zu tun gibt: noch sind nicht alle Einwohner der kleinen Dörfer von den positive Folgen der veränderten Lebensweisen überzeugt. Nicht alle sind so aktiv wie zum Beispiel Tupac Amaru, ein Dorf, das von Anfang an mit Eifer dabei war. Zum Teil verhindern Streitigkeiten innerhalb der Dorfgemeinden Fortschritte. Und so gibt es z.B. noch immer Häuser, in denen die Meerschweinchen in der Küche herumlaufen, Basiskenntnisse von Hygiene nicht bekannt sind oder auch ignoriert werden mit der Begründung, dass man ja traditionell seit Jahrhunderten so lebt. Die Mitarbeiter von CODE haben hier sehr schwierige Überzeugungsarbeit zu leisten!
Wir stellen auch fest, dass die Wegstrecken ein für unsere europäischen Verhältnisse unglaubliches Hindernis darstellen. Viele Ziele sind erst nach stundenlanger Fahrt über lehmige Pisten erreichbar, auf denen eine Geschwindigkeit von 10 km/h schon lebensgefährlich ist.
Unser Aufenthalt in Pango wird am nächsten Tag mit dem Besuch einer Schule und der Teilgemeinde Tupac Amaru, die sich von Anfang an besonders engagiert hat, fortgesetzt.
Colegio (3.500 m)
Wir wurden gebeten, die Patenschaft über neue Sportuniformen für die Schulkinder zu übernehmen. Die Schule liegt im Einzugsbereich der GS Pango. Während der offiziellen Veranstaltung (wieder mit "großem Bahnhof" und vielen Reden) sucht einer der Autoritäten den Kontakt zu Michael, um von ihm eine Zusage zum Bau von Latrinen zu bekommen. In dem daraufhin später stattfindenden Gespräch stellt sich heraus, dass sich seine Gemeinde nicht an die Bedingungen bezüglich Teilnahme an Kursen gehalten hatte und deswegen bislang noch keine Zusage bekommen hatte. Der Mann versprach "hoch und heilig", die Bedingungen nun erfüllen zu wollen.
Wir überreichen einen Basketball als Geschenk für die Schule und versprechen, ihnen (auf private Rechnung) Fußbälle zu spenden.
Beim Mittagessen ist ein Vertreter der Stadtverwaltung mit Sekretärin und Fahrer anwesend. Er betreut Straßenbauprojekte in der Nähe und lädt sich offenbar ein, als er von unserer Anwesenheit hört. Wir wissen, dass der Bürgermeister von Otuzco als arrogant gilt und nicht mit CODE kooperiert. Wir begrüßen die Vertreter sehr freundlich, laden sie ein, sich ein Bild von der Arbeit CODE's zu machen und berichten über unsere positiven Eindrücke. Die Sekretärin kanzelt uns freundlich, aber bestimmt ab, die Stadtverwaltung arbeite sehr viel und könne sich nicht um alles kümmern. Wir geben ihnen unsere Visitenkarte und betonen die Transparenz unserer Arbeit, die Stadtverwaltung könne daher auch jederzeit direkten Kontakt zu uns aufnehmen. Der Chef schlägt vor, die Stadtverwaltung direkt zu fördern. Wir klären ihn über den Unterschied zwischen bilateraler und nicht staatlicher Zusammenarbeit auf. Die Delegation verabschiedet sich, die Stimmung ist mittlerweile recht positiv.
Tupac Amaru (3.800 m)
Auch in Tupac Amaru werden wir mit großer Freude empfangen. Die Dorfgemeinschaft schenkt uns einen Sack Kartoffeln, die sie selbst angebaut haben.
Die Latrinen tragen normalerweise ein Logo in schwarzer Farbe. Die Gemeinde Tupac Amaru benutzt blaue Farbe für das Logo, weil sie meinen, schwarz hätte zu viel mit dem Tod gemein.
Abschied
Zum Abschluss unseres Besuchs beim laufenden Projekt von CODE feiern wir unsere Begegnung mit den Mitarbeitern von CODE. Die Belegschaft schenkt uns T-Shirts für alle aktiven NH-Mitglieder. Wir werden mit großer Herzlichkeit verabschiedet.
Unser Fazit
Cooperación y Desarrollo arbeitet nach unserer Einschätzung sehr professionell. Überall in den Einzugsgebieten der durch CODE realisierten Projekte ist CODE bei der Bevölkerung und bei den lokalen Autoritäten bekannt und geschätzt.
CODE bemüht sich um Transparenz und zeigt uns sämtliche Unterlagen, die uns interessieren. Wir bekommen sogar Kopien vertraulicher interner Unterlagen.
CODE ist sehr bemüht, von uns zu lernen. Sie legen stets sehr großen Wert auf unsere Einschätzungen und zeigen sich kritik- und lernfähig.
In Anbetracht der peruanischen Realität arbeitet CODE außerordentlich effektiv.
Das Misstrauen der ländlichen Bevölkerung in den Projekt-Einzugsgebieten ist sehr groß. Es bedarf außerordentlicher Motivationsarbeit, die Menschen zur Mitarbeit zu bewegen. Gerade diese Arbeit ist aber der wichtigste Bestandteil eines Projekts, weil ein Projekt nicht nachhaltig wirken könnte, wenn nicht innerhalb des Projektverlaufs das Bewusstsein der Bevölkerung geändert würde.
Die Mitarbeiter/-innen von CODE verhalten sich sehr motiviert, engagiert und solidarisch. Sie selbst übernachten in Pango in ärmlichsten Verhältnissen unter extremen Bedingungen und leisten Großartiges im Kontakt zur Bevölkerung!
CODE sieht in der Korruption eines der Hauptübel Perus. Der Verein bekämpft Korruption daher konsequent.
Anmerkung
Neue Horizonte hatte 2005 die Förderung von durch CODE geleiteten Projekten einstweilen eingestellt. Die Gründe waren im wesentlichen: Mangelhafte Kommunikation zwischen den Vereinen, in Peru patriarchalische Leitungsstrukturen unter Abschottung der Projektleiterin vom Informationsfluss und der Vorwurf seitens CODE, NH sei zu bürokratisch. CODE hat diese Probleme allesamt gründlich und offenbar nachhaltig beseitigt und weitergehende Rechte der Projektleitungen in der Satzung verankert. Im Nachhinein zeigt sich deutlich, dass die Entscheidung seitens NH, die Förderung von Projekten CODE's daraufhin wieder aufzunehmen, richtig war.
CODE benötigt nach unserer Einschätzung eine Haushaltsfinanzierung. Sonst ist fraglich, ob das sehr gute Projektpersonal für ein Folgeprojekt weiterhin zur Verfügung steht oder gezwungen ist, andere Jobs anzunehmen.
Unsere nächste Station ist Lima, wo wir ein Treffen mit der Organisation Alma Capac haben. Wir hatten vor zwei Jahren eine Gemeinschaftsküche finanziert, die wir nun besuchen wollen.
Alma Capac
Wir treffen uns mit Ricardo Herrera Maúrtua im Büro von Alma Capac. Er erzählt uns von den Strukturen seiner Arbeit und der Art und Weise, wie Alma Capac Projekte angeht. Es ist interessant für uns zu sehen, dass wir ähnlich über die Wege zu helfen denken. Inzwischen hat Alma Capac bereits 23 Gemeinschaftsküchen gebaut. Mit dem Bau einer solchen Küche sind stets auch Kurse in Ernährung und Bauarbeit verbunden. Das didaktische Material ist reich bebildert, sehr anschaulich und praxisnah.
Der Bau der Gemeinschaftsküche hat sich für einige Leute aus Calizal auch arbeitsmäßig positiv ausgewirkt: Während des Baus der Küche haben die aktiven Helfer Zertifikate von Alma Capac erhalten, die bescheinigen, dass sie Grundkenntnisse in Sachen Bau erworben haben. Ricardo Herrera berichtet, dass bereits einige darüber feste Arbeitsstellen finden konnten.
Calizal
Calizal ist ein Vorort im Norden Limas. Es liegt in der Wüste und ist staubig. Es gibt keine Infrastruktur, weder Wasserversorgung noch Elektrizität. Die Bevölkerung ist entwurzelt, man kommt aus allen möglichen Gegenden Perus und hat keinen einheitlichen kulturellen Hintergrund.
Wir werden von den Müttern von Calizal und vielen Kindern in der Gemeinschaftsküche (die übrigens auch als Sozialzentrum dient) mit großer Herzlichkeit empfangen. Eine deutsche und eine peruanische Flagge flattern zu unserem Besuch.
Die gesamte Arbeit und Organisation wird von Frauen erledigt. Männer arbeiten in der Küche nicht mit. Aurora, eine junge Frau, die die gesamte Organisation mit großer Engergie managt, zeigt uns, wie die Küche funktioniert. Die Mitarbeiterinnen stellen uns ihren Teil der Arbeit vor.
Während alle mit dem auf uns Essen warten (was wir leider nicht verhindern können), machen wir einen kleinen Rundgang. Man zeigt uns die verfallene "Schule" und bittet uns um Hilfe.
Dann gibt es Mittagessen, Reden, Tänze von Kindern und Geschenke. Im Laufe dieses kleinen Festes kommen immer mehr Leute zum Essen. Noch mehr Mütter mit ihren Kindern, auch einige ältere Leute.
Einer von diesen älteren Leuten, ein Mann, steckt Michael einen Zettel zu, den er bittet, erst zu Hause zu lesen. Wir lesen also am Abend seinen Notruf, ihm zu helfen, da er Parkinson habe. Für uns ist das ein Dilemma, denn als Mitglieder von Neue Horizonte ist es unmöglich, einem einzelnen Menschen durch Spenden zu helfen. Das widerspräche dem Prinzip nachhaltiger Hilfe zur Selbsthilfe, über die die Lebensbedingungen verbessert werden sollen. Wir sprechen später mit einer befreundeten Ärztin aus Lima, die in Peru vielleicht Wege über das Regierungsprogramm "Sistema Integral de Salud" (SIS) weiß, wie man seine Situation verbessern könnte. Dieses System verschaffe Armen eine medizinische Betreuung, sei theoretisch sehr gut konzipiert, in der Praxis allerdings vor allem wegen bürokratischer Hürden kaum realisierbar.
Die Arbeit von Alma Capac ist wirklich gut und sinnvoll. Wir fahren mit vielen guten Wünschen wieder fort. Aber auch der Eindruck, dass die Campesinos in den Bergen sicher besser leben als die Leute hier in ihren armseligen Hütten ohne ein kleines bisschen Land, ohne eigene Tiere, in nichts anderem als Wüste in der Nähe einer großen Stadt, die vielleicht einmal Hoffnung machte, sie aber nie einlöste.
Anmerkung
Calizal ist eine tickende Zeitbombe. Derzeit erhalten die Kinder und Jugendlichen zwar Essen, aber keine vernünftige Bildung.
Köln, den 30.07.08
Michaela Salewsky-Heidel
Michael Heidel

